Samstag, 30. August 2014

Gebevoll


André schimpft in meiner Praxis:"Geben sei seliger denn nehmen, verbreiteten meine Groß-und Kleineltern ein Leben lang quer durchs Dorf. Neuerdings bitten - man könnte behaupten quengeln- sie beständig, man solle sich als Organspender registrieren lassen! Ich auch. Hallo?! Ob ich Geber oder Nehmer bin...in beiden Fällen sehe ich dieses andere Grenzland um die Ecke winken. Um meine Ruhe zu haben, tat ich Opa, der am meisten diskutierte, letztendlich den Gefallen. Aber seitdem spüre ich in jeder Nacht vorwurfsvolles Herzklopfen. Ich glaube, Gevatter Tod deutlich zu wittern, gerade so, als stünde er geduldig und höflich wartend mit seiner gedengelten Schippe hinter dem Vorhang. Ich bin völlig fertig. Was wird, wenn des Doktors Kind mein Herz benötigt? Und ich vielleicht grad im Krankenhaus bin, weil ich mir zum Beispiel einen Finger gebrochen habe? Der Arzt statt meines gereichten kleinen Fingers nach meinem ganzen Herz grabscht? Es vielleicht gegen Meistgebot versteigert?" Tränen sprinten barrierefrei über Andrés Gesicht; werden weder von Fältchen noch Furchen umgeleitet. Seine Hände würgen die Lederbänder an seinem Handgelenk.
Ich versuche mich in Erklärungstrost: "Organe werden nicht versteigert. Und ob des Doktors Kind jemals erkrankt, und ausgerechnet mit deinem Herzen etwas anfangen kann? Außerdem müssen unabhängige Ärzte zustimmen. Dazu gibt es eine Liste..."
"Hallo?! Liste? Lesen Sie keine Zeitung? Wie leicht die zu überlisten ist?"
"Im Einzelfall, was vielleicht nicht korrekt war, ich weiß es nicht. Aber letztendlich bekam ein Mensch die Chance, zu überleben. Durch einen Verstorbenen, nicht durch einen Verletzten, glaube mir. Was würdest du, wenn du in schwer erkrankter Situation wärest, erhoffen?"
"Ich sterbe lieber, eh dass ich einem anderen was klaue!"
Wir werden unterbrochen, das Handy klingelt, es ist sein Opa: "Oma ist im Krankenhaus. Herzinfarkt. Komm schnell, Junge."
André schaut mich an. Steht auf, drückt mich feste, sagt "Danke" und springt besorgt, aber leichtfüßig davon.
Herzlichst, Birgit