Sonntag, 14. Dezember 2014

Günter-ohne-h - Teil II

piqs/istolethetv
Einmal wurde Günter-ohne-h zu einem

#Einsatz 

gerufen, als er im sechsten Ansatz versuchte, sein Mittags-Stullen zu verzehren. Da war es bereits 19.30 Uhr. Ja, in seinem Kreis gibt es viel zu tun. Nun, jedenfalls erhielt er den Auftrag, zum neuen Bestatter des Nachbarortes zu fahren. Der gehörte ebenfalls zu seinem "Beritt".

Wobei - beritten wurde nirgendwo mehr. Die Pferdestaffel war eingestellt, die Rösser verkauft, die Stallungen verpachtet worden. Die auseinander gerissenen Pferde samt Reiter wurden durch Polizeipsychologen betreut; mehrere Therapieeinheiten waren erforderlich, um deren Verlust zu verarbeiten. Mensch und Tier wachsen nun mal im Laufe der Gelegenheit zusammen, und so ein dreamteam wie Polizist und Pferd wird ebenso zu einer Einheit wie Kommissar und Polizeihund. 
Allerdings entwickelte ein Jahr später das neue Polizeipräsident - ihr erinnert euch, auf das Geschlecht wollten wir der Verschleierungstaktik wegen nicht eingehen - die Idee, dass in den ländlichen Orten eine feine Reiterstaffel doch Eindruck schinde, also wurden (andere!) Pferde gekauft, nach (alternativen!) Einstellmöglichkeiten gesucht. Wir erinnern uns wieder: die Stallungen waren ja verpachtet, mussten nun also für teuer Steuergeld angemietet werden. Hallo, wo war #Mario Barth?
Ups- abgeschweift, sorry, zurück zu Günter.

Er sollte also in dem Nachbarort zum Bestatter. Wobei zum Bestatter untertrieben war. 
Hierbei handelte es sich, nach ärztlichem Vorbild?, um ein Bestatterhaus. Ja, ein ganzes Haus, ein Anwesen quasi, voller Bestatter, jeder mit eigenem Spezielgebiet, das gibt es. Die ganze Anlage hatte etwas von einem Supermarkt. Diese Bestatter hatten sich zu einer Kette zusammen geschlossen und agierten bundesweit. Auch online.
Neumodischer Kram. Wir erinnern uns: das war nicht Günters Steckenpferd. Bestatter schon gar nicht, und das hatte seinen schlechten Grund. Davon später mehr, wenn die Vertrauensbasis stimmt.
Jedenfalls holte er seine Kollegin aus dem Schreibraum, die beiden fuhren in gemäßigtem Tempo los, vermuteten einen Einbruch. Kam schon mal vor, drang möglichst nicht an die Öffentlichkeit. Eile war in diesen Fällen nicht geboten, Zeugen konnten eh meist nicht befragt werden, ein übles Problem.
Auf dem riesigen Parkplatz ruhten Autos im Dunkel der Novembernacht. In der Parkbox direkt neben dem Haupteingang stand ein so winziger Kleinwagen, dass der gerade den vorderen Teil des Parkplatzes ausfüllte. Querstehend. Neben dem Fahrzeug eine ältere Dame im noch älteren, beigen Poppelinmantel. In Tränen aufgelöst - die Dame, nicht der Mantel- , ein Taschentusch knüllend, über Nase und Augen fahrend. In einigem Abstand ein Herr in distinguiertem Schwarz, Arme verschränkt, bleiches Dracula-Gesicht, war aber wohl der Bestattungsunternehmen. Er: stoisch. Sie: schluchz, tupf.

Eine weinende Frau! Das war nichts für Günter-ohne-h. Er dachte: Wahrscheinlich hat sie einen Angehörigen verloren. Mit langen Schritten, gemäßigtem Tempo, welches auf den aufmerksamen Betrachter beruhigend gewirkt hätte, näherte er sich dem Tatort weinende-Frau-bleicher-Dracula.

"Bitte, wie kann ich Ihnen helfen?" Ein ganzer Satz. Zwar kurz und präzise, aber immerhin: Subjekt, Prädikat, Objekt. Darum bemühte sich Günter-ohne-h, seit ihm seine neue Liebste gesagt hatte, er rede zu wenig. Wein-Frau drehte sich zu ihm, da ihr Rücken arg verkrümmt war, musste er sich einen halben Meter hinabbeugen, um ihr in die Augen zu schauen.
"Er - er, er ist - da drinnen. Eingesperrt. Allein, ganz allein. Kalt, so kalt. Niemand...bei ihm, ich komme nicht hinein, Herr Sargmann kann nicht weiterhelfen." Wein, schluchz.
Günter schluckte ein Klöschen mit Speichelsoße, dann fragte er nach dem wer und wo.  Hatte er gelernt, genau wie ein Journalist,: genaue Angaben sind wichtig. Also die sechs  w´s: wer - wo - warum- wie...die anderen hatte er gerade vergessen.

"Na - er. Sehen sie selber. Hören Sie denn nicht, wie er jault? Oh der Arme."
Verstorbene jaulen nicht, wusste Günter. Also muss es sich hier um ein lebendes Objekt handeln. Dieses würde sich aber nicht im Bestattungs-Center befinden. Dafür klang das Jaulen jetzt auch zu nahe. Er fischte nach seiner abgegriffenen Stablampe, leuchtete über die Waldspitzen in der Ferne, über die Häuserfront in der Nähe, auf den Parkplatz, hin zum aktuellen Standort. Dort sah er im Winzigwagen der Frau ein Hündchen über Sitze und Armaturen hecheln. Zwischendurch blieb es auf der Vorderlehne hocken, blickte auffordernd hinaus, jaulte ein bisschen herzerweichend, wie ein Kind, das hinfällt und heult, sobald die Eltern gucken.
"Der Kleine ist eingesperrt, wie schrecklich - heulschluchz - Schlüssel? Keine Ahnung. Wir müssen ihn befreien."
Kommissar Günter, einst selber Hundebesitzer, mobilisierte sämtliche Verbrechertricks. Es dauerte nicht lange, da war die Autotür geöffnet. Er steckte vorsichtig seine Hand hinein. Hund zog sich zurück, kläffte vorsichtshalber. Wein-Frau begann mit einem Hunde-Sprech-Gesang, Hund beruhigte sich, kam näher. Gerade als Günter-ohne-h nach dem haarigen Knäuel greifen wollte, sprang dieses vor, fletschte seine Zähnchen und grub sie stolz, eine Beute dingfest gemacht zu haben, in Günters Hand. Es dauerte, bis er das Tier im Nacken gepackt und herausgezogen hatte. Er drehte sich zu Wein-Frau, die jetzt strahlte. 
Wenigstens sie ist zufrieden, dachte er, und reichte ihr das Hündchen. 
"Was soll ich damit?", wunderte sie sich, "das ist nicht meiner. Den müssen Sie schon mitnehmen." 
Damit drehte sie sich zu Dracula-Gesicht. "Können wir jetzt hinein gehen und die Beerdigung meines Mannes besprechen?" Sie stapfte vorneweg, ließ den bluttropfenden Günter auf dem Platz des Beerdigungs-Institutes stehen. 
Übrigens wurde dieser Vorfall nichtmal von das Polizeipräsident als Dienstunfall anerkannt. Naja. Aber von uns wird er als Retter an dieser Stelle gelobt, nicht wahr?
Herzlichst, BiggY