Freitag, 19. Dezember 2014

Günter-ohne-h und der Polizei- Baum

(Günter-ohne-h)
Günter-ohne-h wollte zum Fest seinen Kollegen Gutes tun. "Das" Polizeipräsident (ihr erinnert euch, Verschleierungstaktik bezüglich des Geschlechts) hatte keine Ressourcen, um etwas Adventliches zu stiften - Weihnachtsgeld gab es schon lang nicht mehr -, aber Günter hatte jeden Monat ein Teil seines Gehaltes zurück gelegt. Banken mochte er nicht, also wühlte er eines Morgens in seinem Sparstrumpf und kramte ein paar Euros hervor. Davon erstand er ein Bäumchen, welches er schmückte. Richtig schmuck wurde es nicht, aber die Geste zählte. Einerseits in Andenken an die Kollegen,die dieses Jahr ums Leben gekommen waren. 
Andererseits, um den Lebenden einen Hauch von Weihnachtsstimmung in das Besprechungszimmer zu bringen. Mitten in seinen Schmück-Bemühungen wurde er zu einem Einsatz gerufen. Also schrieb er flugs ein Schild: Bitte verschlossen lassen, und widmete sich dieser bekannten, sehr alten Bürgerin
Ein Jahr hatte sie angezeigt, dass man über ihrem Grundstück den Mond entwendet habe: "Der ist nicht mehr da, das können sie mir glauben." Seit einigen Jahren hatte sie andere Sorgen:"Der Nachbar hat mich verstrahlt. Das macht der ständig." 
Als die Beamten das erste Mal die alte Dame aufsuchten, verharrten sie sprachlos in der Eingangstür. Die ganze Wohnung war mit Silberfolie ausgekleidet. "Damit die Strahlen nicht so leicht hinein dringen. Aber ein paar sind, glaub ich, doch eingedrungen. Ich fühle mich ganz komisch."
Dass das an ihren 89 Jahren lag, glaubte sie nicht. "Ich geh ja nicht mal in den Alten-Verein." 
Zuerst zogen die Beamten nach ein paar beschwichtigenden Worten ab. Doch am nächsten Tag rief sie erneut die Polizei an. 
"Jetzt habe ich auch noch Kopf." Am übernächsten: 
" Die Beine zittern." Dann:
"Ich sehe schlecht, bestimmt bekomme ich Augenkrebs von diesen Strahlen."
Kurz vor Feierabend zündete bei Günter-ohne-h eine Idee. Er fuhr zu der alten Dame. Sie öffnete aufgeregt die Tür.Günter war ihr Lieblings-Polizist, aber das würde sie ihm natürlich nicht sagen. Bevor sie ihn begrüßten konnte, legte der den Finger auf die Lippen.
"Pst," wisperte er,"nicht sprechen. Sie bleiben in der Diele. Ich habe ein Gerät bestellt, damit kann ich das ganze Haus entstrahlen. Ist aber gefährlich, bleiben Sie besser hier. Ich trage eine strahlungssichere Weste, gehe jetzt hinein, und entstrahle."
"Darf ich Ihr - Gerät mal sehen?", flüsterte die alte Dame zurück. Günter zeigte ihr die neue Laserpistole, mit der sie die Geschwindigkeitsüberschreitungen der Autofahrer maßen. 
"Oooh," hauchte die alte Dame, "so was hab ich ja noch nie gesehen. Tolll." Ehrfürchtig presste sie sich neben das Sideboard aus massiver Eiche an die Wand, hob die runzeligen Hände vor ihre Augen, und schlinzte zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch wie ein Kind.
Günter trat in jeden Raum, schwenkte bedeutungsschwanger seine Laserpistole, murmelte dabei das Alphabet rückwärts vor sich hin, und war nach zehn Minuten fertig. Die alte Dame auch, sie musste sich erst einmal hinlegen. 
Am nächsten Tag kam sie auf der Wache vorbei, um sich zu bedanken. 
"Ich wußte nicht, was für einen schweren Beruf Sie haben. Hier ist etwas zur Beruhigung."
Sie überreichte eine Flasche Doppelherz, Größe XXL, und einen selbstgebakcenen Kuchen. Günter-ohne-h wusste, dass er nichts annehmen durfte, aber wie hätte er das der kleinen gebeugten Witwe beibringen sollen? 
Seit dem kam sie jährlich vor Weihnachten, vorbei. "Das Strahlen hält nur ein Jahr, wissen Sie." Während der letzten vier Jahren hatte sie die Wohnung nicht mehr mit Stanniol ausgekleidet. "Herr Günter kann sogar ohne Stanniol entstrahlen," strahlte sie, und grüßte seit einiger Zeit - siegessicher - wieder den Nachbarn, einen jungen Rentner von 79. 
Und seit vier Jahren war der Kaffeetisch gedeckt, wenn Günter die Witwe aufsuchte. 

Abends ging er zurück, um den Baum weiter zu schmücken. Unter seinem Schild Bitte verschlossen lassen hatte ein Scherzkeks ein kleineres geklebt: Weihnachten steht hinter der Tür. 






(Das kleine " L " steht seit Dezember 1978 auf der Vermisstenliste!)