Dienstag, 9. Dezember 2014

Kein Clochard für Ben




(piqs:Hans-Peter)
Jeden Tag saß er im Park, immer auf der selben Bank. Mal schwitze er , mal fror er. Mal beachteten ihn die Spaziergänger mehr, mal weniger. Er jedoch war immer aufmerksam. Deshalb bemerkte er auch den Jungen - er nannte ihn bei sich Ben - der eines Tages als  sogenannter Frischling in das Kinderheim zog. Er war eins der wenigen Kinder, das scheinbar lieber in der Natur umherstreife, statt in irgendwelchen Computerspielen.



(piqs:llagam)
Ben strolchte zwischen den Bäumen umher, er beobachtete die Menschen. Ab und zu bückte er sich, sammelte Kastanien, Eicheln - oder Steine? Jedenfalls setzte er sich danach auf eine Holzbank, schaute sich um und sortierte seine Schätze. Ob er darauf wartete, dass sich jemand zu ihm setzte? Oder liebte er das Allein sein, wie er, der Clochard Antoine? 
Manchmal begleitet ihn eins der anderen Kinder, und Clochard Antoine war darüber glücklich. Er wusste, als Außenseiter hatte man es nicht leicht; nur wenige schauten ein zweites oder gar ein drittes Mal hin. Aber Ben war beliebt - nur blieb er den meisten zu lange im Park, und so war er irgendwann wieder allein. 
Eines Tages entschied Antoine:"Ich werde es wagen. Ich werde mich auf seine Bank setzten." 




(piqs:ArminFuchs)
Vorsichtig blickte Antoine sich um. Seit er vor drei Jahren seinen Hauptwohnsitz vom Reihenhäuschen auf die Parkbank in der Nähe des Kinderheimes verlegt hatte, war er zurückhaltend geworden. Er hatte auch die Kinder nicht angesprochen. Einem wie ihm traute man alles zu. Als ehemaliger Kriminalbeamte wusste er genau, wie die Menschen dachten. Aber bei Ben würde er eine Ausnahme machen.  Sicher war er unglücklich, ins Heim gekommen zu sein. Je älter man war, desto schwerer fiel einem die Umstellung, und Ben war sicherlich schon zehn Jahre alt.

Antoine stand auf, rückte seinen Hut zurecht, fegte ein paar vorwitzige Schneeflocken von seiner Schulter, stapfte über die Straße durch die Baumallee, hockte sich auf die Bank, auf der Ben meist Rast machte. Würde sich der Junge zu ihm setzen? Oder einen anderen Platz suchen, um seine Naturschätze zu sortieren? 

Es war eine ziemliche Zeit her, dass Antoine seine "Schätze" sortiert hatte. Irgendwann waren sie ihm Ballast geworden. Dafür hatte es gar keinen dramatischen Auslöser gegeben. Sicher, seine Frau war irgendwann verstorben, aber sie hatte sich lange anstrengen müssen. Daher hatte er die Auswahl ihres letzten Reiseziels, der Schweiz, mit ihr getragen. Das ReiseEnde war so still, inniglich und tröstend gewesen, dass er mit einem warmen Gefühl daran zurückdenken konnte. Nur - danach hatte er einfach nicht mehr so leben wollen wie früher. Sein Kindheits-Leben hatte er behütet im Elternhaus verlebt. Sein Eheleben war ebenfalls so harmonisch verlaufen, wie es der Alltag zuließ, nur leider ohne Nachwuchs. Für sein drittes wollte er etwas anderes. Nur, was dieses Andere war, wusste er nicht. 

Ein leichtes Rascheln holte Antoine aus der Vergangenheit - oder hatte er über die Zukunft sinniert? Er schob seine Hände in die weiten Taschen seines Mantels und hielt seinen Blick geradeaus. Er spürte, dass der Junge neben ihm Platz genommen hatte. Sollte er ihn ansprechen? Abwarten? Da, eine helle Stimme:
"Guten Tag. Ich heiße Ben. Ich hab Sie schon öfter gesehen."
Er hieß tatsächlich Ben?!
"Hallo. Ich heiße Antoine. Du kannst gern du sagen, das ist auf der Straße üblich. Auch ich habe dich schon öfter hier sammeln sehen."
Ben atmete tief ein: "Ich Sie - dich auch. Dabei hatte ich immer ein ganz schlechtes Gewissen." 
Antoine wunderte sich: "Ein schlechtes Gewissen?"
Ben stieß seinen Atem in die kalte Winterluft, als hinge sein Leben davon ab:
"Naja, irgendwie... als würde ich wegnehmen, was mir nicht zusteht, sondern Ihnen. Dir, meine ich."
Antoine schwieg. Hatte der Junge ein Problem? Eine Störung? Warum sollte er sonst glauben, er würde einem alten Clochard etwas nehmen, wenn er die Früchte des Waldes sammelte? Der Kleine fuhr fort:
"Ja, manchmal überlegte ich schon, ob ich es dir bringen soll. Aber ich brauche es doch selber."
Antoine stierte noch immer geradeaus, lauschte unsicher, als Ben fortfuhr:
"Naja, ich fragte mich oft, ob ich mehr Erfolg hätte als du." Dann schwieg er.
Antoine bewegte wärmend die Hände in seinen Manteltaschen und antwortete vorsichtig: 
"Nein, nein, ist schon ok. Ich habe ja, was ich brauche. Und Kastanien und Eicheln sind für mich nicht mehr so wichtig, wie für einen kleinen Jungen." 

Ein Schluchzen? O Gott, der Kleine weinte nicht etwa? Wenn das jemand beobachtete? Antoines Hände wurden feucht vor Nervosität.  Nachher würde man ihm weiß-Gott-was nachsagen. Er konnte nicht einmal seine Hand tröstend auf das Bein oder um die Schultern des Jüngleins legen, wer weiß, wie ein stiller Beobachter diese Geste der Anteilnahme auslegen würde!
Antoine drehte seinen Kopf, langsam, ganz behutsam nach rechts, zum ersten Mal, um dem Jungen in die Augen zu schauen, ihm zumindest einen tröstenden Blick zu schenken, er hatte Angst vor dessen traurigen, unsteten Blick. Da...
Große, rehbraune Knopfaugen blickten zurück. Ein tanzender Kranz von Wimpern. Glanz über den Pupillen. Haarfeine Fältchen rechts und links der Augenwinkel. Der Junge lachte. Er strahlte wie ein Stern, der nicht vorhat, jemals zu verglühen. 
"Aber ich sammle doch nicht sowas. Ich sammle Geld. Oder etwas anderes, was die Leute verlieren, und ich verkaufen kann. Kennst du eBay?"

Da hatte ihn sein Instinkt scheinbar verlassen. Sicher sammelte der Junge, um sich eine Playstation oder einen Computer zu kaufen. Also doch ein ganz normaler Junge. Was er manchmal dachte...
Ben erzählte nun:
"Weiß du, Antoine, dieses Kinderheim ist das Beste was mir je passiert ist. Ich habe dort Freunde, tolle Lehrer, und Bücher. Aber es gibt ein Problem. Diese alte Villa muss renoviert werden. Und wenn wir kein Geld sammeln, müssen wir in ein Städtisches Heim, das will niemand von uns. So haben wir von der Direktorin die Erlaubnis, dass jeder etwas unternehmen darf, um Geld zu sammeln. Das Wichtigste ist die Heizung, die erneuert werden muss."

Antoine zog umständlich die linke Hand aus den Tiefen seines Mantels, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, zog seinen Hut tief über die buschigen Augenbrauen. Hörte Bens Bericht zu, und wie der am Ende fragte: "Willst du heute Abend zum Essen hinein kommen? Ich darf dich einladen, die Direktorin wollte das schon öfter tun, hat sich aber nicht so recht getraut. Du hast immer in eine andere Richtung geschaut, wenn sich dir jemand von uns näherte."

Vier Wochen später war Antoine seinen letzten Ballast, das Reihenhäuschen, losgeworden. Die Kinderheim-Villa hatte eine Spende erhalten. Antoine war als Hilfs-Hausmeister engagiert worden. Aber lieber kümmerte er sich um die Kinder. Vor allem um Ben, der später unbedingt zur Polizei wollte. 
Und Antoine? 
Wann immer es ging, hockte er sich auf die Parkbank, übernachtete in einem kleinen Zelt zwischen den Büschen. Nur bei Regen oder Sturm zog es ihn ins Gartenhaus des Kinderheimes. Oft schlief eines der Kinder bei ihm, und so hielt Kindheit und Jugend Einzug in sein drittes Leben.

Eine Tageszeitung schrieb über ihn, ein privater Fernsehsender zeigte einen Filmbericht über den Clochard vorm Kinderheim
"Für mich ist er kein Clochard, sondern ein König", wurde Ben zitiert.
Inzwischen stand stets ein gut gefüllter Hut vor Antoines Parkbank, Spaziergänger setzten sich zu ihm, die Menschen des Ortes wurden großzügig, der Park konnte restauriert werden, die vom Sturm umgestürzten Bäume beseitigt. 


(Piqs:ZachDischner)



All abendlich kam die Direktorin, holte die Spenden ab, setzte sich zu ihm. Von Abend zu Abend schlich sie später zurück in die strahlende Villa. Bis sie eines Tages bei ihm im Zelt übernachtete.