Mittwoch, 7. Januar 2015

Harry und Sally Teil III

                                 (Bild:PedroRibeiroSimonses)
Manchmal verändert ein langer Blick in die Augen des Gegenübers etwas. Sally hielt ihre Augen in das Gesicht von Harry gebohrt, wollte trotzdem von mir wissen: 

"Aber ist er nicht Schuld?"

Ich bat beide, von der Spitze der Strickleiter hinabzusteigen, sich zu mir auf die unterste Sprosse zu begeben. Erklärte, dass es in Ehe und Beziehung nicht um Schuld ginge. Eher um Unterschiedlichkeiten. Verschiedene Ansichten, Vorstellungen. Dass jeder eine andere Landkarte in sich trüge. 
Wir redeten über die Biochemie des Verliebtseins, Hormone, Müdigkeit, das stumme Reden der Männer, dem traurigen Schweigen der Frauen. Darüber, ob Männer nicht anders können und Frauen nicht anders wollen. Über Streitstrategien, und über die unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung, dem Punkt, der definitiv am schwierigsten unter einer Bettdecke zu vereinen ist. 
In den nächsten Terminen  der 

#Paarberatung

diktierten beide Ansichten und Wünsche. Oft blieb ich Übersetzer. Schlichter. Anfangs kamen ihre ungewohnten Worte langsam und zögerlich über ihre Lippen, setzten sich widerspenstig und ruckartig in Bewegung wie rostige Güterwagen. Doch sobald sie eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hatten, ratterten sie erst schnell, dann gleichmäßig dahin. Sie lernten sich auszutauschen, ohne jeden Satz mit einem Sahnehäubchen aus Vorwurf oder Wertung zu garnieren.Beide hatten ein Traumbild von Zukunft im Kopf: dem Wunsch, im Alter gemeinsam auf einer Parkbank zu sitzen. Wie viele Menschen wünsche sich im Alter: "Wenn ich das Wissen von heute bloß früher gehabt hätte. Dann, ja dann, wäre ich tatsächlich gern noch einmal jung..." Ich schenkte den Beiden ihr heutiges Wissen. Bat sie, zurück zu gehen in die Vergangenheit, mit diesem Wissen etwas anzufangen. Etwas zu ändern? Oder zu spüren: sooo schlecht ist die Gegenwart gar nicht?Samstag sah ich sie fast zufällig in einem Restaurant. Sie bekamen gerade ihr Essen serviert, bemerkten mich nicht. Ich schlenderte unauffällig hinter einem großen Aquarium vorbei. Hörte gerade, wie eine Dame den Ober fragte: "Was ist das, was die Dame am Nebentisch bestellt hat? Das hätte ich auch gerne."
Wer nicht! Du auch?
Herzlichst, BiggY