Mittwoch, 18. Februar 2015

Was gehört zu einem KNALLVERGNÜGTEM Leben? Knallvergnügt lesen!

Habt ihr Lust auf eine Kurzgeschichte ? Dann kuschelt euch gemütlich ein und lest...




(K)Ein professioneller Therapeut?

„Wir haben uns heute hier versammelt, weil Herr Engel dringlich eine Angelegenheit mit Ihnen, Frau Engel, besprechen will", leite ich elegant unsere Therapiestunde zu Dritt ein, um dann fortzufahren -

„Zuerst einmal bin ich dran“, unterbricht die Gattin meine ehetherapeutisch wertvollen Worte. 

„Natürlich, aber was Ihnen Ihr werter Gatte unaufschiebbar mitteilen will …“

„Werter Gatte?“ Frau Engel hat ihre ein Meter achtzig in einem meiner cognacfarbigen Sessel eingerichtet, als wolle sie nie wieder daraus auferstehen. Sie schaut sich suchend im Sprechzimmer um. „Ich sehe keinen. Sie etwa?“

Ich bleibe ruhig, schließlich bin ich ein Professioneller, wenn auch auf zweitem Bildungsweg. „Frau Engel, das Herz ihres – Mannes ist übervoll, er möchte in meiner Anwesenheit und mit Hilfe …“

Ihre Kleopatra-Nase stippst hervor: „Hilfe? Die könnte besser ich brauchen. Wissen Sie, was er tut? DAS hat er Ihnen sicher nicht erzählt, als er Sie allein aufgesucht hat. In jeder Mittagspause kommt er heim, setzt seine Kopfhörer auf, fletzt sich auf seinen Barcelona Chair und hört spanischen Arien. Er sollte sich besser um die Kinder kümmern.“ Ihr Busen vibriert im Gleichtakt  mit ihren Stimmbändern.

Gatte Thomas hockt ihr gegenüber auf der Sesselkante. Zwischen den Stühlen sitze mal wieder - ich. „Herr Engel, sagen Sie doch auch mal etwas.“

„Em - ich mag Musik zum Entspannen.“ 
Ich sehe Frau Engels Erregung unter der Seidenbluse tanzen, als sie wiederholt: „Die Kinder!?“ 
„Die mag ich auch“, versichert Herr Engel.
„Du sollst dich küm-mern!“
„Wodrum?“ Herr Engels Gedanken sind sichtlich in einem anderen Unglück gefangen.
 „Was soll das denn für ein Wort sein?“
„WasfüreinWort?“
„Sag mal Thomas, hast du getrunken?“ 
„Du sagst doch immer, ich soll nicht.“ Seine Schultern befinden sich brustwarzentief.
„Als wenn du nur tust, was du nicht sollst.“
„Tu ich aber.“
„Was?“
„Tun, was ich nicht soll. Also ich meine, das tue ich nicht.“ 

Ich will der armen Kreatur zu Hilfe eilen, doch Frau Engel zischt aus dem Hinterhalt: „Sie sind still!!!“ Jeder Muskel ihres Madonnengesichtes nimmt Teil am Rock ´n Roll ihrer Gefühlswelt.

Als Profi weiß ich natürlich, was Frauen wollen, und traue mich, nicht zu gehorchen: „Frau Engel. Was genau wollen Sie? In Kürze, bitte. Ihr Gatte möchte Ihnen endlich etwas mitteilen.“

Sie schaut mich an. In ihren eisblauen Augen lese ich Überraschung, aber auch etwas anderes.
„Herrgott, der macht mich wieder ganz verrückt mit seinem ewigen Ablenken. Was wollte ich nochmal? Ach ja, er soll sich um die Kinder kümmern.“
Herr Engels Schultern kriechen Richtung Nabel. „Ich tu den ganzen Tag nichts anderes.“ 
Sie wirft mir einen unergründlichen Augenausdruck zu, ihr Stimmvolumen ist eine Oktave gesunken
„Immer redet er sich mit seinem Job raus.“
„Herr Engel, was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Kinderarzt.“ Seine Schultern kommen auf seinen schmalen Oberschenkeln zur Ruhe.

Frau Engel überkreuzt strumpflose Beine, die bis an ihr Kinn reichen, eine Slipfarbe kann ich nicht erkennen. Von Ferne rauschen Herr Engels traurigen Worte durch das Therapeutenzimmer:
„…ich gern einen Stall voller Nachwuchs, meine Frau lieber einen Stall voller Pferde ... ich liebe Häuslichkeit… “

„Ehem, nun gut. Herr Engel, wollen Sie Ihrer Frau jetzt den konkreten Anlass unserer Zusammenkunft mitteilen?“

Frau Engel schaut mich an, während Herr Engel sich auf zittrige Beine hievt und neben den Sessel seiner Frau stellt.
„Ich sehne mich nach einer familiären, warmherzigen Atmosphäre! Ich habe mit deiner Freundin überlegt, wie ich dich weicher stimmen kann.“
Jetzt wagt er alles. 
„Auch sie war ebenfalls enttäuscht von deiner Kälte, … und so kam es … dass wir beide gekommen sind … also ich meine, zusammen. Zusammen gekommen sind. Also, rein redetechnisch!“ Tränen überfluten die dunkelbraunen Augen Herrn Engels. Er wischt sie nicht fort, sondern fließt auf ihnen hinaus Richtung WC.

Frau Engels Gedankenkino rattert, das sehe ich. Sie presst die Lippen auf einander, zieht sie zwischen schneeweiße, kräftige Zähne, kneift die Augen zusammen. 

Ist sie erstaunt? 
Entsetzt? 
Am Boden zerstört? 
Wird sie jetzt weinen? 

Ich lege meine heiße Hand tröstend auf die ihre. Sie schluckt, dann spricht sie:
„Das ist alles? Deshalb sind wir hier? Er ist fremdgegangen, und das macht ihn fertig? So ein Kindskopf.“ Sie schaut durch meine Seele hinab bis in meinen Schoß, streicht mit ihrem Daumennagel über meine Handinnenfläche. 

„Sind Sie verheiratet?“ Ich denke an meine zurückhaltende Freundin, und all deren Nicht-Wünsche, frage: „Warum?“

„Sie könnten mich am Wochenende zu einem Reitturnier begleiten. Mein Mann und meine Freundin können ja währenddessen auf das Kind aufpassen. Wir zwei könnten dort übernachten?“
Ihr Rock verrutscht. 

Ich überlege, wie üblich, scheinbar lange. 
Seufze. 
Sauge zischend Luft, an meinen perfekten Jacketkronen  vorbei, in meinen Mund. 
Stoße den Atem pressend wieder hinaus.

Andrea Engel hängt an meinen vollen Lippen.

Ich antworte:"Vielleicht wäre das möglich."

Ich werde meiner Freundin wohl mitteilen müssen, dass ich  Samstag und Sonntag mal wieder Bereitschaft habe.


Ich blicke tief in ihre Augen, bevor ich fortfahre:„Sie können mich mieten.“

Schließlich bin ich nicht umsonst ein Professioneller.