Dienstag, 7. Juli 2015

Für dein KNALLVERGNÜGTES LEBEN: der richtige Blickwinkel


Kurzgeschichte: Die Mauer 


Eines Tages war es soweit: die Baugenehmigung war erteilt, eine Hypothek bewilligt. Für ausreichende Finanzen waren  Harold und Maude zu jung - für Eigenleistung hingegen genau richtig.

Als Harold noch jünger war, hatte er Ingenieurwesen studiert. Das Geld für die teuren Fachbücher verdiente er sich, indem er auf verschiedenen Baustellen jobbte. 
Nicht lange, und der Polier sagte seinen Handwerkern:
"Lasst ihn an die Schippe. Aber nur ausschachten, der hat nicht nur zwei linke Hände, sondern auch noch alles Daumen."

Aber Harold hatte gute Augen, und so beobachtete er, schaute zu, wie die Anderen arbeiteten. Mauerten, zimmerten, hämmerten.

Irgendwann also bauten er und Maude ihr Haus. Nach dem Ausschachten ging es ans Mauern. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, berechnete, schaute, nahm Maß, beschäftigte sich ausführlich mit der Auswahl der Steine, des passenden Mörtels ... doch irgendwann musste er auch anfangen. 

Um es kurz zu machen: 
in den ersten Reihen saßen drei Steine nicht schnurgerade, sondern ein wenig sturm-schief. Er bemerkte das zuerst nicht, mauerte aber weiter um sein Leben. Wurde im Laufe der Zeit richtig gut. 

Nur die erste Wand, diese Steine in der erste Reihen, die krumm hervorstanden, ärgerten ihn, als er sie erspähte.   Wann immer sein Blick darauf fiel, stachen sie ihm hämisch ins Auge.

Zur Einweihungsparty kam auch sein ehemaliger Chef und umrundete das Haus. Vor der maroden Wand blieb er stehen. Harold holte Luft, um sich zu verteidigen, konnte sich vorstellen, was jetzt kam. 

Da sprach der Chef: "Wow. Du hast fast das ganze Mauerwerk allein erstellt. Und lediglich die wenigen Steine dort etwas versetzt. Alles andere ist dir toll gelungen. Das hast du gut gemacht."

"Schauen wir zu oft nach den schiefen Seiten in unserem Leben?", frage ich mich manchmal beim Einschlafen. 

Was meinst du?

Herzlichst, BiggY