Freitag, 28. August 2015

Die andere Seite der Medizin-Medaille


Bergmannsheil 1914

Sprechstunde in der Praxis für Naturheilverfahren 

Heute war Frau Lustig bei mir. Nein, sie ist nicht die Gattin von Löwenzahns Peter Lustig, dann wüsste sie wahrscheinlich besser Bescheid.

"Im Grunde genommen soll ich am Montag ins Krankenhaus, sagt mein Hausarzt. Weil ich schon so oft bei ihm war, und er einfach keine Ursache für meine vielfältigen Beschwerden findet."

Da sie auch mich schon mehrfach aufgesucht hatte, wußte ich alles über ihr Nicht-Krankheitsbild. Alle Untersuchungen waren ohne Befund; ihre Psyche allerdings ... 

"... liegt blank. Liegt einfach blank. Naja, im Grunde genommen will man ja nicht die Katze im Sack kaufen, also war ich gestern auf meiner Station," - aha, es war also schon IHRE Station, "und wollt mir ein Zimmer aussuchen. Und können Sie sich vorstellen, was man mir da antwortete?"

Ich wollte es nicht, aber ich konnte. 

" ´Wir sind hier kein Kurbetrieb, und erst recht kein Hotel´, hieß es. ´Wenn Sie Montag eintreffen, können Sie unten einchecken, anschließend auf unsere Station kommen. Dann wird man Ihnen ein Bett zuweisen.´"
Frau Lustig schnaufte, kein bisschen amused. 

"Ein Bett zugewiesen?! Hallo? Im Grunde genommen bezahle ich das Krankenhaus, und auch das Personal. Da sollten die doch wohl ein wenig flexibel sein. Als ich eins der Krankenzimmer inspizierte, war es mit zwei Patientinnen belegt. Diese teilten sich das Bad mit dem Nebenzimmer, wo ebenfalls zwei Patienten herumlagen. Also, krank sahen die eigentlich nicht aus. Jedenfalls lange nicht so krank wie ich. Jedenfalls, im Grunde genommen bin ich der Meinung, dass mir ein Einzelzimmer zusteht. Schließlich zahlt mein Mann ein Leben lang Krankenkasse für mich." 

Erschöpft von ihrer eigenen Empörung lehnte sie sich zurück und harrte erwartungsvoll der Zustimmung, die ich nun sicher beisteuern würde. 

Was sollte ich sagen? 

Ich zoomte mir ein Bild vor Augen, wie ein Krankensaal vor 100 Jahren aussah. Seitdem war man von dieser Überbelegung zu 12er, 8er über 6er bis hin zu 4er-Zimmern gegangen. In vielen Kliniken ist inzwischen eine 2er Belegung üblich. Macht sich jemand Gedanken darüber, was das kostet? 

Ein befreundeter Kardiologe erzählt neulich:" Die Wöchnerinnen-Station bei uns bekommt einen wundervollen Frühstücksraum. Andere Zimmer werden gestrichen, bekommen ein eigenes Bad. Wir im Herzzentrum benötigen dringend neue Ultraschall-Geräte. Und anderes. Was nutzen sämtliche Fortbildung-Maßnahmen, wenn die Patienten lieber hübsch aufgebahrt in ihren attraktiven Krankenzimmern ruhen, als dass man ihren Herzfehler einwandfrei diagnostizieren kann?!"

Leider weiß das kaum jemand. Und wenn, würde der Patient das glauben? Dass Beträge in die Ausstattung der Station gesteckt werden müssen, damit Patienten die Kliniken weiter empfehlen? Sicher, über aktuelle medizinische oder technische Neuheiten können sie nichts wissen. Aber wenn man es ihnen erklärt, wäre es nicht jedem Menschen wichtiger, dass die Ursache seiner Erkrankung ans Licht gezogen würde, statt dass sein Zimmer in anmutigem "lichtgelb" gestrichen würde? 

In ruhigen Worten versuchte ich, dies der verbitterten Frau Lustig zu erklären. Sie schwieg einen Moment. Schien nicht recht überzeugt zu sein. Also setzte ich nach:
"Außerdem, Sie haben doch so ein - Mitteilungsbedürfnis. Ist es da nicht netter, wenn Sie eine Gesprächspartnerin haben?"

Frau Lustig überlegte, knurrte "hmm!", schob ihren voluminösen Busen im Stuhl nach vorn, der Rest ihres Körpers folgte. Sie schob sich auf ihre kräftigen Beine, erhob sich, griff nach der Handtasche und wandte sich zur Tür. 

War sie unzufrieden mit mir, hatte ich nun eine Patientin verloren? Die erste seit Jahren? An der Tür drehte sie sich zu mir und sagte:

"Jawohl. Im Grunde genommen haben Sie recht. Und außerdem kann sich die andere Dame freuen, mich aufs Zimmer zu kriegen. Schließlich weiß ich eine ganze Menge über Erkrankungen, und kann sie beraten. Die Ärzte sind ja auch nicht immer ... deshalb komme ich ja auch so gern zu Ihnen. Auf Wiedersehen, ich werde mich aus der Klinik mal bei Ihnen melden, Sie möchten sicher wissen, wie es mir ergeht."

Ich antwortete: "Im Grunde genommen ... selbstverständlich. Alles Gute Ihnen."

Dir wünsche ich das ebenfalls

herzlichst, BiggY