Sonntag, 10. Januar 2016

Kurzgeschichte: Antonios Tochter





Bestatten? Antonio.


Der Tag, an dem ich endlich sterben kann, beginnt mit einem listigen Sonnenaufgang. Gerade so, als backe das Christkind bereits Stollen für meine Beerdigung. 

Ich stehe auf meinem winzigen Balkon, ein geschwungenes Gusseisengitter schützt mich vor der anderen Welt. Auf gesprungenen Bodenfliesen vertrocknen letzte Blätter der beiden Topfpflanzen. In sauge den Rauch einer Gauloise in die Lunge, als hinge mein Leben davon ab. Nehme einen Schluck meines vorletzten Espressos. Den bitteren Geschmack überdecken drei Brocken Würfelzucker.

Über den Zypressen lacht die aufsteigende Sonne gelb, nicht blutrot, wie während der letzten dreizehn Monate. Wahrscheinlich kugelt sie sich über den Anblick meines runden Vollmondgesichts, meines Dreifachkinns und dem Fässchen, welches mein ehemaliges Eightpack verbirgt. Ich, Antoine, 39, Ex-Leistungssportler, Ex-Dachdecker, Ex-Vater, habe mich in gut einem Jahr verdoppelt.

Ich schiebe den winzigen Kippenrest in eine Flasche mit dunkelbrauner Brühe. Trete zurück. In meine Wohnung. Schenke den zweiten Espresso ein. Den letzten, endlich!, ich freu mich so; das erste Mal seit langem, dies wird ein guter Tag. Ich setze mich an den Küchentisch, erwidere den Blick meiner verstaubten Sporttasche, die aus der Ecke zu mir hinüber stiert, seit Eva-Mariah nicht mehr da ist.

„Ich sterbe nicht einfach“, hat sie mich nach ihrer zweiten Chemo trösten wollen. »Ich reise nach oben, zu Mama.«
Dann hatte sie mir den Autoschlüssel gereicht, den ich ihr erst letztes Jahr geschenkt hatte.
„Ich fahre mit dir“, hatte ich geräuspert. 
Daraufhin drehte Eva-Mariah ihren haarlosen Kopf von mir weg, ich ertrug es kaum. „Wenn du das tust, spreche ich kein Wort mehr mit dir. Nie wieder.“
„Das tust du sowieso nicht“, dachte ich, aber meine geliebte Tochter hatte, wie immer, meine Gedankenblase lesen können. So wie ihre Mutter, mit der ich nur vier Jahre große Liebe hatte leben dürfen, bevor sie unter der Geburt verblutet war.

Anschließend hatte Eva-Mariah nach meinen eigenen, sorgfältig gehüteten Waffen gegraben und sie gegen mich gerichtet: Immer, wenn sie als junges Mädchen langweilige Vokabeln lernen sollte, hatte ich zu Beginn mit hohem Einsatz gepokert: »Nur zwei Stunden lang.«
Natürlich brauste sie auf, und ich hatte mich schnell zu einer Stunde, langsamer auf zwanzig Minuten herab handeln lassen. Ich hatte angenommen, sie hätte meine Absicht nicht erkannt. Ich wäre stets mit zehn Minuten zufrieden gewesen.

Eva-Mariah schlug vor: „Die normale Trauerzeit dauert 12 Monate. Du warst nie normal. Du warst mit zwanzig allein erziehender Vater. Hast deine Ausbildung zu Ende gemacht. Durftest als künstlerischer Dachdecker am Weiterbau au der Kathedrale la familiglia mitarbeiten. Musstest dabei stets besonders auf deine Finger achten, da du nebenbei als Handmodel gearbeitet hast. Um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Du musstest mich stets mitschleppen, dazu Tante Nathalie als Kinderfrau. Nichts war bei dir normal. Also gönn dir, ganz unnormal, zwei Jahre Trauerzeit und warte ab, wie sich dein Leben entwickelt. Ich wache von oben über dich. Statt meiner geliebten Serien schaue ich auf dich.“
„Niemals. Zwei Jahre!“
„Zwanzig Monate.“
„Nein.“
„Fünfzehn.“
»Höchstens dreizehn.«
»Na gut. Dreizehn.« Dabei hatte sie vor sich hin gelächelt? Hatte sie?
„Hol alles nach, was du nie gemacht hast. Bitte, Paps.« 

Mir ist unterbewusst bewusst, dass sie damit etwas anderes gemeint hatte, als rauchen, fressen, trinken. Am helllichten Tag schlafen, in der Nacht durch die Straßen Barcelonas zu streifen. Arbeiten und Sport einzustellen. Nathalie, der Zwillingsschwester meiner verstorbenen Frau, aus dem Weg zu stürmen. 

Heute sind dreizehn Monate um. Heute ist es so weit. Heute endet der Deal, und ich darf endlich sterben. 
Es schellt. Der Postbote kommt. Er wird mein Kräuterpaket aus Holland bringen, welches ich vor zwölf Monaten und neunundzwanzig Tagen bestellt hatte. Sie hatten mir die taggenaue Lieferung versprochen. Es sollte keinen Tag früher eintreffen, ich traute mir nicht.

Dieses Päckchen ist rechteckig, größer als ein Schuhkarton. »Unnötiger Verpackungsmüll,« denke ich. Baue es vor mir auf. Das Telefon schellt, ich hatte keine Lust, es abzumelden. Das Handy liegt irgendwo in der Schublade, ich habe es lange nicht mehr geladen. Alles egal, jetzt ist mein Todesretter da. Es klingelt erneut unten an der Tür, ich ignoriere, dann klopft es, jemand ruft laut, verdammt, ich ignoriere es, hallo?!, merkst du Klingelmann oder -frau das nicht?, hau ab, lass mich in Ruhe.

Meine Hände öffnen das Paket. Sonnengelbes Seidenpapier lacht mir entgegen. Ich hebe es heraus, sehe darunter zwei Bücher.
»Ich werde wieder Nichtraucher«. 
»Die phantastischen Kunstdächer des Gaudi«. 
Fitnessschuhe.
Ein Paket Espresso. Von Lavazza. Meine Lieblingssorte.
Ein Brief. 
„Wenn du mich liebst, so wie ich dich, gönnst du mir das beste Serien-Programm, dass Mama und ich von hier oben verfolgen können. Sie ist so stolz, was du aus mir gemacht hast. Lass uns täglich Antoines neues Leben genießen. Langweile uns nicht. Wir wollen das Meer sehen. Die Berge. Ach ja, und ich soll dir ausrichten, sie hat genug Leiden bei dir erlebt. Sie möchte nicht auch noch ihre Schwester Nathalie leidend sehen, weil dir etwas passiert. Sie war immer für uns da. Liebt dich. Nimm sie mit. Und dann deck das Kathedralen-Dach zu Ende. So viele Menschen warten darauf.“


Ich schaue hinaus, ein Sonnenstrahl juckt in meinem Augenwinkel, es juckt in meinen Beinen, ein bisschen juckt es mir auch in den Fingern. Und in meinen Ohren; deshalb öffne ich der klingelnden Nathalie endlich die Tür und lasse sie in mein Leben.

Herzlichst, BiggY von www.birgit-nitschkes.blogspot.de